Pflanzenöle

PFLANZENÖLE - ÖKOLOGISCH NICHT SINNVOLL?
Zu den Gutachten im Auftrag des Umweltbundesamtes Berlin

Prof. Dr. E. Schrimpff
FH Weihenstephan
85350 Freising

„Der Einsatz von Rapsöl und Biodiesel ist im Vergleich zu Dieselkraftstoff weder wirtschaftlich noch ökologisch“ (Umweltbundesamt in der Süddeutschen Zeitung vom 10.1.2000, S.23)

1. Einleitung

Mit Veröffentlichung der neuen Studie des Umweltbundesamtes in Berlin „Aktuelle Bewertung des Einsatzes von Rapsöl/RME im Vergleich zu Dieselkraftstoff“ (2000, 326 S.) auf der Grundlage der Studien „Ressourcen- und Emissionsbilanzen: Rapsöl und RME im Vergleich zu Dieselkraftstoff“ des Heidelberger ifeu-Institutes (1999, 67 S.) und „Gutachten zur ökonomi-schen Bewertung von Rapsöl/RME gegenüber Dieselkraftstoff“ des Lehrstuhls für Finanz-wissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (1999, 199 S.) wird erneut amtlich, in großem Stil, aber wissenschaftlich äußerst fragwürdig der Bioenergieträger „Pflanzenöl“ in ein schlechtes Licht gerückt (SCHRIMPFF, 2000:34-36).

Wie sind solche gewichtigen Aussagen und Bewertungen angesichts der schon spürbaren Verknappung an Erdöl (vgl. Erdölpreis-Entwicklung seit Juli 1999) und der beunruhigenden, aber wohl realistischen Prognosen von der unabhängigen Geologen-Gruppe „Petroconsultants“ (s. SCHINDLER & ZITTEL, 1999:12-18) möglich? Haben die Mitarbeiter des UBA, des ifeu-Instituts und der Ruhr-Universität jeden Bezug zur Realität verloren? Oder soll hier die öffentliche Meinung zugunsten bestimmter Interessen manipuliert werden?

Die „Ressourcen- und Emissionsbilanzen“ des ifeu-Gutachtens bauen auf der „Ökobilanz Rapsöl“ des Umweltbundesamtes von 1993 (UBA-Texte 4/93) auf und kommen zwar zu teilweise abweichenden, aber im Grundsatz analogen Ergebnissen. Das ifeu-Gutachten ist wiederum Grundlage für das Gutachten der Ruhr-Universität Bochum und auch für den zusammenfassenden Bericht des UBA, der keine originäre Arbeit darstellt. Insofern soll hier nur auf das ifeu-Gutachten eingegangen werden (des Pudels Kern).

Das ifeu-Gutachten kommt zu dem Ergebnis, daß einige ökologische Kenngrößen (z.B. „Ressourcenverbrauch an erschöpflichen Energieträgern“, „Treibhauseffekt“ und „SO2-Emissionen“) zu Gunsten von Rapsöl bzw. Rapsmethylester (RME) ausfallen. Auf diese positiven Salden soll hier nicht eingegangen werden, weil sie im Grundsatz wohl unstrittig sind.

Vielmehr sollen diejenigen ökologischen Kenngrößen einer kritischen Analyse unterzogen werden, die nach dem ifeu-Gutachten zu Ungunsten von Rapsöl oder RME ausfallen. Das sind vor allem: „Verbrauch an mineralischen Rohstoffen“, „Versauerung“ und „Eutrophierung“ sowie „stratosphärischer Ozonabbau“ durch Distickstoffoxid (N2O), ferner die „Human- und Ökotoxizität“ von Stickoxiden (NOx ) und Ammoniak (NH3 ).

2. Fragwürdige Annahmen

Die überwiegend negative Beurteilung von Rapsöl bzw. Rapsmethylester (RME) gegenüber Dieselkraftstoff in diesem Gutachten ergibt sich u.a. aus mehreren fragwürdigen Annahmen. Hier soll nur auf drei wesentliche Annahmen eingegangen werden.

1. Die konventionelle, moderne Intensiv-Landwirtschaft wird als einzige Möglichkeit für den Rapsanbau unterstellt.

Extensive Anbaumöglichkeiten z.B. mit Erucasäure-reichem Naturraps, der sich als Kraftstoff besser eignen würde, als die Erucasäure-frei gezüchteten sog. 00-Sorten (Züchtungsziel: nicht Kraftstoff, sondern gutes Speiseöl!), werden überhaupt nicht in Betracht gezogen.

Von anderen Ölpflanzen, z.B.Sonnenblume, Ölrauke, Ölrettich, Ackersenf, Rübsen, Leindotter, Öllein oder Hanf, die extensiv in Deutschland anbaufähig wären, wird überhaupt nicht gesprochen.

2. Der Raps-Anbau wird nur als eine Monokultur gesehen, die einen hohen Einsatz an mineralischen Düngemittel und Spritzmittel erfordert. (s. Lebenswegvergleich I, Ch.3, S.4).

Insbesondere wird die Notwendigkeit des Ressourcenverbrauchs an Phosphaterz, Schwefel, Rohkali und Kalkstein herausgestellt und bilanziert.

Bei einem ökologischen Anbau von Raps kämen aber keine mineralischen Dünger, die auf eine energieaufwendige synthetische Düngemittelproduktion zurückgehen, zur Anwendung, sondern lediglich organische Wirtschaftsdünger oder Kompost von eigenen Flächen. Ferner entfällt die energieaufwendige Biozid-Produktion, denn im Öko-Landbau werden keine chemischen Herbizide, Fungizide, Insektizide oder sonstige Biozide eingesetzt.

Darüberhinaus haben sich zum Teil auch Mischkulturen von Ölpflanzen zusammen mit Getreide (z.B. Gerste oder Weizen mit Leindotter oder Raps) als recht erfolgreich heraus-gestellt, weil bei geringerem Unkrautdruck etwa der gleiche Flächenertrag an Getreide bei meistens höherer Kleberqualität mit zusätzlich 80 bis 150 Liter Pflanzenöl je Hektar erzielt werden können (vgl. MAKOWSKI, 2000:30).

3. Für einen erfolgreichen Rapsanbau gelten mineralische Stickstoffdüngemittel als in hohem Maße notwendig und offenbar als nicht ersetzbar. (vgl. S.25 und S.29)

Die entscheidenden Nachteile von Rapsöl bzw. RME bei den ökologischen Kenngrößen „Versauerung“, „Eutrophierung“ und „Ozonabbau“ sowie „Human- und Ökotoxizität“ von NOx und NH3 leiten sich gemäß der ifeu-Studie allesamt vom Einsatz mineralischer Stickstoff-düngemittel ab, wobei die negativen Salden „schon allein durch die Düngemittelproduktion bestimmt“ werden (s.S.25, Sensitivitätsanalysen). Die hier genannten unerwünschten ökologi-schen Kenngrößen sollen erheblich vom Rapsanbau verstärkt werden, und zwar überwiegend durch Ammoniak- (NH3) und Distickstoff- (N2O) Emissionen, die sich ausschließlich aus dem Einsatz von mineralischen Stickstoffdüngern ergeben (S. 25 u. S. 29).
Aber ist mineralischer Stickstoffdünger für den Rapsanbau - und den anderer Ölpflanzen - unverzichtbar und nicht zu ersetzen?

Der ökologische Landbau bedient sich erfolgreich seit Jahren der organischen Wirtschafts-dünger wie Stallmist oder Kompost und ausgereifter Biogasgülle. Auch konventionell wirt-schaftende Biogas-Bauern finden in der Biogasgülle u.a. einen vorzüglichen Stickstoffdünger, der auch als Kopfdünger einsetzbar ist, und verzichten in aller Regel vollständig auf minera-lische Stickstoffdünger. Hiermit entfällt in der Lebenswegkette des Rapsanbaus zumindest die recht relevante Düngemittelproduktion (s.S.25, Sensitivitätsanalyse).

Im Pflanzenbau und in der Bodenkunde ist darüberhinaus wohl bekannt und vielfach nach-gewiesen, daß in ökologisch bewirtschafteten Böden bestimmte Bakterien und Strahlenpilze den Luftstickstoff fixieren und zwar in verstärktem Maße dann, wenn der Boden mit Stickstoff unterversorgt ist (Selbstregulierung der Stickstoffzufuhr, s. z.B. SCHMIDTKE, 1998).

Die möglichen NH3- und N2O-Emissionen bei Verwendung von Stallmist und Rohgülle sind nicht unbeträchtlich, liegen jedoch wesentlich unter denen der mineralischen Stickstoffdünger. Setzt man aber ausgereifte Biogasgülle oder Kompost als Düngemittel ein, sind entsprechende Emissionen vernachlässigbar. Und bedient man sich der natürlichen Luft-Stickstoff-Fixierung der Mikroorganismen im Boden, kommt es zu keinen oder höchstens zu ohnehin natürlichen, unvermeidbaren Minimal-Emissionen.

3. Unseriöse Ausklammerung

Die dargestellten Zusammenhänge sollten eigentlich ausreichen, um die am Anfang zitierte These des Umweltbundesamtes als haltlos zu erkennen. Es gibt jedoch im ifeu-Gutachten einen weiteren Aspekt, der die These noch fragwürdiger erscheinen läßt:

Auf Seite 14 des Gutachtens wird unter „Einschränkungen“ mitgeteilt, daß ‘vereinbarungs-gemäß’ (wer vereinbart mit wem und warum?) zwei wesentliche Komponenten des Pflanzen-baus ausgeklammert werden: die „Rapsstroh-Betrachtung“ und die „Gülle-Option“. Beide Komponenten sind jedoch grundlegende Bestandteile einer ausgewogenen Landwirtschaft und insbesondere des Ölpflanzen-Anbaus und dürfen bei einer korrekten Energie- oder Stoffbilanz nicht weggelassen werden. Neben 1 Tonne Rapsöl werden nämlich je Hektar Anbaufläche und Jahr 2 Tonnen Ölkuchen (in Soja-Qualität) und 3 bis 4 Tonnen Kohlenstoff, die zur Zeit der Ernte im Rapsstroh eingelagert sind, erzielt (KAISER, 2000:8).

Das Stroh könnte und sollte schon heute vollständig wieder auf den Acker gebracht werden, damit auch ohne Bodenbearbeitung die Bodenorganismen, insbesondere die Regenwürmer, reichlich Nahrung finden, den Boden aufschließen und eine zunehmende und nachhaltige Fruchtbarkeit auch aufgrund eines optimalen Humushaushaltes ermöglichen (vgl. FUKUOKA, 1999:24ff).

Wenn also der in der konventionellen Landwirtschaft übliche Mineraldüngeraufwand ausschließlich dem Teilprodukt „Pflanzenöl“ zugerechnet wird und die stoffliche oder energetische Nutzung vom Ölkuchen und des Rapsstrohs (sei es als Futtermittel, als Biogas-Gülle-Beitrag, als organischer Dünger oder direkt als Brennstoff) schlicht unterschlagen wird, dann verwundert es nicht, daß Rapsöl bezogen auf die in der Einleitung genannten Kenngrößen (z.B. „Verbrauch an mineralischen Rohstoffen“ u.s.w.) so schlecht abschneidet.

4. Schlußfolgerungen und Ausblick

Eine wissenschaftlich einwandfreie Ressourcen- und Emissionsbilanz darf nicht stofflich oder energetisch verwertbare Nebenprodukte des Ölpflanzen-Anbaus ausklammern, die zudem mehr als zwei Drittel des Energiegehaltes der Ölpflanzen ausmachen. Allein duch Einbeziehung dieser Nebenprodukte würden die Bilanzen für Rapsöl wesentlich günstiger ausfallen.

Darüberhinaus würde der überwiegende oder gänzliche Verzicht auf mineralische, insbeson-dere mineralische Stickstoff-Düngemittel beim Rapsanbau, wie es beim Ökologischen Landbau üblich ist, die Ressourcen- und Emissionsbilanzen für Rapsöl in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen, nämlich ausnahmslos zu Gunsten von Rapsöl !

Diese Feststellung wird indirekt und nur beiläufig auch auf S. 45 im ifeu-Gutachten getroffen: „Ohne Verwendung von Mineraldüngemitteln würde sich das Vorzeichen umdrehen“.

Der reinste Sonnen-Energieträger überhaupt, nämlich naturbelassenes, kaltgepreßtes Pflanzenöl kann also als einzigartige, in hohem Maße ökologische und vielseitige Zukunfts-option für den versiegenden fossilen Energieträger „Erdöl“ angesehen werden. Selbstverständ-lich werden die Ölpflanzen-Anbauflächen in Deutschland kaum jemals für den Eigenbedarf an Kraftstoffen ausreichen. Aber decken wir etwa unseren derzeitigen Benzin- und Diesel-Bedarf aus deutschen Erdöl-Quellen? Warum sollten wir also nicht zukünftig den Restbedarf an erforderlichem Pflanzenöl aus den vielen sonnenreichen Ländern der Tropen und Subtropen als harmloses, umweltfreundliches Handelsgut importieren und diesen Ländern damit eine echte und nachhaltige Entwicklungschance auf der Grundlage eines Ökologischen Landbaus gewähren?

Quellen

FUKUOKA, M. (1999): „Der große Weg hat kein Tor - Nahrung, Anbau, Leben“, Pala-Verlag Darmstadt, 140 S.

IFEU (1999): „Ressourcen- und Emissionsbilanzen: Rapsöl und RME im Vergleich zu Dieselkraftstoff“, Gutachten im Auftrag des Umweltbundesamtes, FKZ 36 301 002, ifeu-Institut Heidelberg, März 1999, 67 S.

KAISER, T. (2000): „Stellungnahme zu den Gutachten im Auftrag des Umweltbundesamtes“, Inst. f. Energie- u. Umwelttechnik, München, Jan. 2000, unveröffentlichtes Manuskript, 12 S.

MAKOWSKI, N. (2000): „Neue Wege im Öko-Landbau“ in: Bauernzeitung 19/2000, S. 30-31

SCHINDLER & ZITTEL (1999): „Wirtschaftliche Umbrüche durch nahende Erschöpfbarkeit fossiler Ressourcen“ in: Solarzeitalter 2/1999, S. 12-18

SCHMIDTKE, K. (1998): „Selbstregelung der Stickstoffzufuhr im ökologischen Landbau“ in: Ökologie & Landbau 2/1998, S. 33-37

SCHRIMPFF, E. (2000): „Pflanzenöle - von den haltlosen Vorurteilen des Umweltbundes-amtes“ in: Solarzeitalter 1/2000, S. 34-36


TREIBSTOFF der ZUKUNFT: WASSERSTOFF oder PFLANZENÖL?
Potenziale und Perspektiven von Pflanzenölen als Energieträger

Prof. Dr. E. Schrimpff
FH Weihenstephan
85350 Freising

1. Einleitung

Die dritte, noch glimpflich abgelaufene Erdölkrise haben wir gerade überstanden. Erinnern Sie sich noch an den Herbst 2000? An die Tankstellenblockaden in England und die wütenden Proteste in ganz Europa? Wenn es um Energie geht, verstehen die Menschen offenbar keinen Spaß! Die Weltwirtschaft stellt sich inzwischen auf ein neues, gegenüber Anfang 1999 knapp dreifaches Preisniveau ein. Wesentliche Ursache dieses Preissprungs: Die Industriestaaten (USA und EU) sind nicht mehr in der Lage, durch Eigenförderung den Erdöl-Weltpreis niedrig zu halten, die Verknappung an Erdöl hat eingesetzt und die OPEC hat das Sagen!
(vgl. SCHINDLER & ZITTEL, 1999)

Unter diesen neuen Rahmenbedingungen erscheint ein bisheriges Nischenprodukt der Landwirtschaft in einem völlig neuen Licht: Pflanzenöl, das zukünftige Gold der Landwirte, das nicht nur als Nahrungsmittel und Industrierohstoff, sondern in zunehmendem Maße auch als Energieträger und Kraftstoff an Bedeutung gewinnen wird.

Pflanzenöl ist biochemisch gespeicherte Sonnenenergie höchster Dichte. Jedem Samenkorn hat die Natur eine Portion Pflanzenöl mitgegeben: Eine geniale Starthilfe, um den Sämling unter den verschiedensten Umweltbedingungen und noch völlig unabhängig von Licht und Nährstoffen die Chance zur Wurzel- und Sproßbildung zu geben. Im Vergleich zu Biofest-stoffen (Holz, Stroh) und Biogas (vgl. Abb. 1) stellt Pflanzenöl die dichteste Energieform der Photosynthese dar. Mit einer Energiedichte von rund 9,2 kWh je Liter liegt es ziemlich genau zwischen Benzin (8,6 kWh/l) und Diesel (9,8 kWh/l). Im Gegensatz zu Benzin und Diesel ist Pflanzenöl jedoch regenerativ, CO2-neutral und frei von Schwefel, Schwermetallen und Radioaktivität. Es besteht nur aus Kohlenstoff (C), Wasserstoff (H) und ein wenig Sauerstoff (O) im Verhältnis von etwa C60H120O6.

Die heutige Nutzung von Benzin und Diesel stellt einen Raubbau an der erschöpflichen Ressource Erdöl dar und vollzieht sich nicht in Kreisläufen. Pflanzenöl dagegen kann und wird wieder regional und global geschlossene, naturgemäße Kreisläufe ermöglichen. Dies gilt insbesondere für die CO2-Frage (vgl. Abb. 2).

Können aber Pflanzenöle den fossilen Energieträger „Erdöl“ überhaupt annähernd ersetzen? Wie groß ist das Potenzial an gewinnbaren Pflanzenölen in Deutschland und weltweit? Schließen sich Ölpflanzenanbau und Nahrungsmittelanbau nicht gegenseitig aus? Gibt es überhaupt genügend Anbauflächen? Und heißt der zukünftige, einzigartig umweltfreundliche Energieträger nicht „Wasserstoff“?

Auf diese und weitere Fragen im Zusammenhang mit einer zukunftsfähigen, nachhaltigen Landwirtschaft soll im folgenden kurz eingegangen werden.

2. Solar-Wasserstoff- und Pflanzenöl-Technik im Vergleich

Schon seit Jahrzehnten verbreiten die Medien die Vorstellung, Wasserstoff sei der ideale Energieträger der Zukunft und die Brennstoffzelle die überall einsetzbare Technik, um Strom und Wärme aus Wasserstoff sauber zu erzeugen. Die Ankündigungen der Autoindustrie (z.B. der Wasserstoff-Verbrennungsmotor von BMW und der Brennstoffzellen-Antrieb bei Daimler/Chrysler) haben im letzten Jahr geradezu eine Wasserstoff-Euphorie geschürt. Sehr wenig hört man allerdings darüber, wo denn der viele Wasserstoff herkommen soll. Aus fossilem Erdgas etwa? Dann haben wir unter Umwelt- und Klimaschutz-Gesichtspunkten praktisch nichts gewonnen. Am umweltfreundlichsten wäre es, Wasserstoff elektrolytisch aus Wasser mit Hilfe von Solarstrom zu produzieren (Solar-Wasserstoff).

Unter Wissenschaftlern verbreitet sich jedoch zunehmend Skepsis an der ubiquitären Einsatzfähigkeit der Wasserstoff-Technik. Wesentliche Gründe dafür: Die physikalischen Eigenschaften von Wasserstoff sind auf der Erde bei Atmosphärendruck und Normal-temperatur denkbar ungünstig. Als kleinstes Element ist Wasserstoff zwar sehr leicht, aber extrem flüchtig: Es diffundiert sogar durch die Stahlwände einer Druckflasche! Gasförmig hat es dort bezogen auf sein Volumen eine sehr geringe Energiedichte. Aber selbst bei -253oC verflüssigt, ist seine Energiedichte mit 2,3 kWh je Liter nur ein Viertel derjenigen von Pflanzenöl (9,2 kWh/l) bei 20oC. Und zur Erzeugung und Verflüssigung von 1 Liter Wasserstoff wird derzeit rund drei mal mehr Fremdenergie benötigt, als zur Gewinnung von 1 Liter Pflanzenöl. Zusammen genommen bedeutet das, daß Pflanzenöl energetisch gesehen zwölf mal besser abschneidet.

In Tab. 1 ist eine Gegenüberstellung der als optimal angestrebten Solar-Wasserstoff-Technik mit der Pflanzenöl-Technik nach 10 Parametern vorgenommen worden. Das Ergebnis: Nur bei der Verbrennung der beiden Energieträger schneidet die Wasserstoff-Technik besser ab (bei nicht optimierter Verbrennung von Pflanzenöl entstehen nämlich CH-Radikale und Poly-zyklische Aromate), alle anderen 9 Gesichtspunkte fallen eindeutig zugunsten der Pflanzenöl-Technik aus. In der Gesamtenergie-Bilanz (Lagerungs-, Transport- und Befüllungsverluste eingeschlossen) unterliegt die Solar-Wasserstoff-Technik der Pflanzenöl-Technik im Verhältnis von ca. 1 : 15, d.h. die Pflanzenöl-Technik ist rund 15 mal energie-effizienter.

3. Pflanzenöl-Potenziale

Wenn man bedenkt, daß rund 270.000 Pflanzenarten weltweit bekannt sind, wovon mehr als 30.000 als eßbar gelten, aber nur 120 Arten Bedeutung im Anbau haben, von denen wiederum nur 9 Arten für 75 % der menschlichen Nahrung sorgen, dann erkennt man, welche Nahrungs-einfalt sich die moderne menschliche Gesellschaft trotz der ungeheuren natürlichen Pflanzen-vielfalt zumutet.

Was für den Nahrungsmittelbereich gilt, trifft verstärkt für den Bereich der Ölpflanzen-nutzung zu: In Deutschland werden fast nur Raps (>80%) und daneben Sonnenblumen sowie Öl-Lein in nennenswerter Menge angebaut. Dabei wären bei uns mehr als 15 Ölpflanzen anbaufähig (z.B. Rübsen, Ölrettich, Ölrauke, Leindotter, 3 Arten von Senf, Saflor, Ölmadie, Ölziest, Lupinen, Hanf u.a.), europaweit sogar rund 50 Arten, weltweit wahrscheinlich über 2000 Arten. Letztlich enthalten alle Samen und das Fruchtfleisch mancher Gehölze (z.B. Avocado, Ölpalme) Pflanzenöle bzw. Pflanzenfette.

So zahlreich die Züchtungen in Hinblick auf Steigerung der Öl-Erträge oder der Veränderung der Fettsäuremuster bei einigen wenigen Ölpflanzen (wieder insbesondere Raps und Sonnen-blume) und in Bezug auf Speiseöl-Qualität oder industrielle Anwendungen erfolgten, so hat nahezu keine züchterische Arbeit bisher stattgefunden, was die Nutzung von Pflanzenölen als Energieträger anbelangt (vgl. SCHUSTER, 1992). Das qualitative Potenzial ist also so gut wie unerschlossen.

Auch das quantitative Potenzial ist wenig bekannt. Dennoch können zuverlässige Anhalts-werte genannt werden. Angenommen, in Deutschland würde nur aus dem gut durchgezüchte-ten 00-Raps Pflanzenöl gewonnen, der einen Kornertrag von rund 4 Tonnen je Hektar mit einem Ölgehalt von über 40% hat, dann könnte mit einem theoretischen Ölertrag von 1,6 t/ha gerechnet werden. Bei einer Kaltpressung ohne Extraktion beträgt die Ausbeute 85%, es könnten also 1,36 t/ha Rapsöl gewonnen werden. Da Raps nur alle 4 Jahre auf derselben Fläche angebaut werden kann, könnte maximal jeder 4. Hektar mit Raps genutzt werden. Von 12 Mio. ha Ackerfläche in Deutschland wären also 3 Mio. ha mit Raps bebaubar, die 4 Mio. Tonnen Pflanzenöl (1,36 t/ha x 3 Mio. ha) pro Jahr liefern würden.

Der Inlandsabsatz von Dieselkraftstoff betrug 1997 gemäß dem Bundeswirtschafts-ministerium 26,3 Mio. Tonnen. Geht man von etwa gleich hohem Verbrauch der Motoren bei Verwendung von Diesel- oder Pflanzenöl-Treibstoff aus, so wäre die deutsche Landwirtschaft rechnerisch in der Lage 15% (4 : 26,3) des derzeitigen Dieselverbrauchs zu erzeugen. Der heutige durchschnittliche Kraftstoffverbrauch im Dieselbereich (einschließlich Lkw und Bussen) kann mit ca. 9 Liter je 100 km angesetzt werden. 3-Liter-Fahrzeuge (z.B. VW-Lupo) sind schon auf dem Markt und plausible Entwicklungen in Richtung 1,5 Liter-Fahrzeugen werden angegangen (z.B. L22 der Firma Loremo München). Würde es gelingen, den durchschnittlichen Verbrauch auf 3 Liter zu verringern, dann könnte die deutsche Landwirtschaft fast die Hälfte (45%) des Dieselbedarfs decken.

Bei den Überlegungen zum Potenzial der Pflanzenöle sollten wir uns aber nicht auf die Grenzen Deutschlands beschränken. Auch eine Einschränkung auf die EU (die in naher Zukunft vielleicht schon 80% des EU-Dieseltreibstoffbedarfs durch Pflanzenöle substituieren könnte) ist nicht erforderlich. Das tun wir bezüglich der heutigen Kraftstoffe (Diesel und Benzin) ohnehin nicht: deutlich weniger als 1 % des in Deutschland benötigten Erdöls stammt aus deutschen Erdölquellen!

Weltweit gesehen ist das Potenzial an Pflanzenölen selbst für den heutigen Erdölbedarf ausreichend. Eine - zugegeben stark vereinfachte - Rechnung mit dem Anbau nur einer exemplarischen Ölpflanze - der Ölpalme in den Tropen - kann es belegen (s. Tab. 2).

Tab. 2: Das weltweite Pflanzenöl-Potenzial bezogen auf den Anbau von einer von
>2000 Ölpflanzen: die Afrikanische Ölpalme (Elaeis guineensis)

1. Ölertrag von Ölpalmen: 10.000 Liter je Hektar und Jahr = 1 Mio. Liter je km2 und Jahr
2. Welt-Erdölbedarf 1996 (nach SHELL) ca. 3.600 Mrd. Liter
3. Landfläche Afrikas: 30 Mio. km2
4. Landfläche aller Kontinente: 136 Mio. km2
5. Notwendige Anbaufläche für Ölpalmen: 3,6 x 1012 Liter : 1 x 106 Liter/ km2
= 3,6 x 106 km2 = 3,6 Mio. km2 - 4 -

Auf Afrika bezogen würden 12 % der Landfläche beansprucht, weltweit wären es 2,6 %.

Natürlich kann niemand ernsthaft fordern, ein Achtel Afrikas mit Ölpalmen zu bepflanzen, schon aus ökologischen und klimatischen Gründen nicht. Aber jedes Land der Erde könnte seine eigenen heimischen Ölpflanzen auf 1-5% seiner Fläche anbauen, Ölpflanzen, die zum Teil wie „Unkraut“ gedeihen (z.B. Ricinus in den Tropen, Purgiernuß in der Sahelzone und Leindotter in Mitteleuropa). Auf jeden Fall sind die Pflanzenöl-Potenziale weitaus höher, als wir auf den ersten Blick meinen. Und dank der übrigen Erneuerbaren Energiequellen im solaren Energiemix (vgl. Abb.1) und der bisher kaum eingesetzten Energiespartechniken steht uns eine breite Palette an realisierbaren Möglichkeiten zur Verfügung.

4. Ölfruchtanbau in Konkurrenz zum Nahrungsmittelanbau?

Vielfach wird an dieser Stelle der Einwand erhoben, mit Ölpalmen oder anderen Ölpflanzen bebaute Flächen würden für die Nahrungsmittel-Erzeugung entfallen, und dies könne man sich angesichts des Nahrungsmittelmangels gerade in der Dritten Welt nicht leisten. Aber schließt der Ölpflanzenanbau tatsächlich den Nahrungsmittelanbau aus?

Unterstellt man, daß der Landbau auch in Zukunft das System von Monokulturen beibehalten wird, dann scheint der o.g. Einwand nicht widerlegbar. Denn ein Feld, das nur mit Raps zu einem Zeitpunkt bebaut wird, steht selbverständlich im gleichen Zeitraum nicht für Getreideanbau zur Verfügung. Allerdings ist diese Sichtweise verkürzt und berücksichtigt nicht zwei Aspekte des Raps- bzw. des Ölpflanzenanbaus an sich, die der Nahrungsmittel-Erzeugung letztlich zugute kommen:

1. Raps bzw. andere Ölfrüchte sind (oder können) vorzügliche Vorfrüchte für den Getreideanbau unmittelbar danach sein: Die in aller Regel tiefreichende und im Boden verbleibende beträchtliche Wurzelmasse der Öl-Vorfrüchte wird von Bodenorganismen abgebaut und stellt eine Steigerung des Kohlenstoff- und Humushaushaltes des Bodens dar. Ferner wachsen die Wurzeln der Getreidepflanzen überwiegend in die verbleibenden Wurzelröhren der Vorfrüchte und können daher einen größeren Bodenraum erschließen. Die Folge sind signifikant erhöhte Getreide-Erträge ohne zusätzliche Düngung, eine Erfahrung, die weit verbreitet und inzwischen allgemein anerkannt ist.

2. Bei der Ernte und der dezentralen Verarbeitung der Rapskörner fallen zwei wertvolle Produkte an: ca. 1000 kg/ha des begehrten Rapsöles (das übrigens bei 00-Raps auch ein hervorragendes Speiseöl ist) und weitere 2000 kg/ha des Rapskuchens, der ein idealer Ersatz für zu importierendes Soja-Schrot als Kraftfutter bei der Rinder- und Schweinehaltung ist. Verwendet man das Rapsöl nicht als Speiseöl, sondern als Kraftstoff, verbleibt immer noch doppelt so viel an eiweiß- und mineralstoffreichem Rapskuchen, der nicht nur als Viehfutter, sondern - nach einer entsprechenden Aufbereitung - auch als menschliche Nahrung Verwen-dung finden könnte. Auch bei der Ölpalme fällt neben dem Palmöl aus dem Fruchtfleisch und dem Palmkernöl aus dem Samen ein noch fettes, eiweißreiches und daher außerordentlich nahrhaftes Fruchtfleisch an, das gekocht von der heimischen Bevölkerung sehr begehrt ist.

Der o.g. Einwand verliert ganz an Bedeutung, wenn man - anstelle von bisher eintönigen Monokulturen - in einem zukünftigen Landbau vielfältigen Polykulturen (Mischfruchtanbau-systeme) den Vorzug geben wird. In Bayern laufen seit mehr als 7 Jahren sehr vielverspre-chende private Feldversuche bei Öko-Landwirten: Weizen und Gerste, ja sogar Erbsen werden jeweils zusammen mit Leindotter (Camelina sativa (L.) Crtz., einem ursprünglichen Unkraut des Leinanbaus) gesät, gleichzeitig geerntet und gedroschen und die unterschied-lichen Samen per Siebsätze problemlos getrennt (Institut für Energie- und Umwelttechnik München).

Das Ergebnis: Die Erträge der zwei Getreidearten sind - verglichen mit den entsprechenden Monokulturen - etwa gleich (30 bis 40 dt/ha), die Backqualität des Getreides ist aber besser (um 4 - 6 %-Punkte höhere Kleberanteile), so daß höhere Preise erzielt werden können. Die Ernte-Erträge bei Futtererbsen sind sogar um rund 10 % höher: 32,5 gegenüber 29,6 dt/ha (Versuche im Jahr 2000 am Kramerbräu-Hof, Paffenhofen/Ilm). Der wesentliche Grund: Die Erbsen ranken am Leindotter empor und können mehr erntefähige Schoten ausbilden! Außerdem verdrängt Leindotter andere, stärker mit dem Getreide und Erbsen konkurrierende Unkräuter. Der Unkrautdruck solcher Mischfruchtbestände ist deshalb ausgesprochen gering, eine Unkrautbekämpfung erübrigt sich.

Ferner werden im Getreide-Leindotter-Mischanbau 80 bis 150 Liter Leindotteröl je Hektar, im Erbsen-Leindotter-Anbau sogar bis 270 Liter/ ha Leindotteröl erzielt (Kramerbräu-Hof, 2000). Die bemerkenswerte Steigerung des Leindotteröl-Ertrags um über das Doppelte ist wohl auf positive Synergie-Effekte der zwei Pflanzenarten (z.B. zusätzliche Stickstoff-Versorgung des Leindotters durch die N-bindenden Erbsen) zurückzuführen. Darüberhinaus kann mit 200 bis 540 kg/ha an Leindotterschrot als Kraftfutter gerechnet werden (MAKOWSKI & BRAND, 2000, sowie IEU, 2001).

Fazit:
Die beschriebenen Versuche in Bayern zeigen, daß keine oder nur unwesentliche Minderungen in der Nahrungsmittel-Erzeugung bei Mischfrucht-Anbau zustande kommen, aber Pflanzenöle als Kraftstoffe zusätzlich aus „Unkräutern“ in nicht geringem Maße gewonnen werden können.

5. Naturgemäßer Landbau

Wie die dargestellten Mischfrucht-Anbauversuche in Bayern zeigen, eröffnen sich für die zukünftige Landwirtschaft völlig neue Möglichkeiten, die weit über die heute im ökologi-schen Landbau üblicherweise bekannten Verfahren und Erfolge hinausgehen dürften (vgl. MAKOWSKI, 2000).Neben dem gänzlichen Verzicht auf Spritzmittel und Mineraldünger (die in aller Regel schon heute im Öko-Landbau keine Anwendung mehr finden), kann der zukünftige Landbau aber noch einen bedeutenden Schritt weiter gehen: Mit dem vollständigen Verzicht auf Bodenbearbeitung und gleichzeitig einer Dauerbegrünung der Äcker werden sich die Erosions- und die Unkrautfragen nicht mehr stellen.

Wenn ferner Direktaussaat in die noch reifenden Mischfruchtbestände erfolgt und der Nährstoffkreislauf durch vollständige Rückführung des Strohs und der tierischen und menschlichen Fäkalien (z. B. in Form von gut ausgereifter Biogasgülle) auf die Felder geschlossen wird (vgl. Abb.2), dann kann sich der heute noch häufig schwer-tuende Öko-Landbau zu einem naturgemäßen Landbau im Sinne von M. FUKUOKA (1998a, 1998b,1999) mit geringstem Arbeitseinsatz, gesunden Anbaufrüchten und zunehmend wachsenden Erträgen weiter entwickeln.

Ein in diesem Sinne in Freising schon wirtschaftender Landwirt (seit 16 Jahren ohne Pflügen, seit 6 Jahren ohne Bodenlockerung) hat sehr geringe Betriebskosten, verfügt über zunehmend reichere Böden (Regenwurmbesatz von inzwischen 200-300 Regenwürmer je m2 im Ver-gleich zu 2-10 Regenwürmer je m2 bei konventionell wirtschaftenden Nachbarn), fährt normale, teilweise bessere Ernten jedes Jahr ein und benötigt etwa nur ein Drittel der Arbeits-zeit seiner konventionellen Kollegen.

Auf dieser Grundlage werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weitere Versuche mit Kombinationen von sich gegenseitig fördernden Getreidearten, Ölfrüchten und Leguminosen im Mischfruchtanbau erfolgen: Der Ölpflanzenanbau als ein integraler Bestandteil einer Polykultur, in der er kein Konkurrent, sondern Förderer eines gesunden Nahrungsmittel-anbaus sein wird!

Quellen

FUKUOKA, M. (1999): „Der große Weg hat kein Tor - Nahrung, Anbau, Leben“, 3. Aufl., Pala-Verlag Darmstadt, 140 S.

FUKUOKA, M. (1998a): „Rückkehr zur Natur - die Philosophie des natürlichen Anbaus“, 2. Aufl., Pala-Verlag, 155 S.

FUKUOKA, M. (1998b): „In Harmonie mit der Natur - die Praxis des natürlichen Anbaus“, 2. Aufl., Pala-Verlag, 147 S.

IEU (2001) INSTITUT FÜR ENERGIE UND UMWELTTECHNIK MÜNCHEN: Unveröff. Ernte-Ergebnisse auf dem Kramerbräu-Hof bei Pfaffenhofen/Ilm von 2000, 1 Tabelle.

MAKOWSKI, N. (2000): „Neue Wege im Öko-Landbau“ in: Bauernzeitung 19, S. 30-31

MAKOWSKI, N. & BRAND, D. (2000): „Mischanbau von Leindotter und Erbsen ist attraktiv“, Institut für Energie- und Umwelttechnik München, unveröff. Manuskript, 6 S.

SCHINDLER, J. & ZITTEL, W. (1999): „Wirtschaftliche Umbrüche durch nahende Erschöpfbarkeit fossiler Ressourcen“ in: Solarzeitalter 2/99, S. 12-18 (Eurosolar e.V.)

SCHUSTER, W. (1992): „Ölpflanzen in Europa“ DGL-Verlag Frankfurt/M., 240 S.